Wieso ein Kinderhaus in St. Pauli?
... fragten sich anfangs viele, als 1990 der Verein Kinderhaus
am Pinnasberg e.V. gegründet wurde. Es sollte ein Kinderheim
für Kinder aus St. Pauli eröffnet werden. Nicht im Grünen,
sondern mitten in St. Pauli – trotz und wegen der ganzen
Probleme in diesem Stadtteil, wie Armut, Gewalt und Sucht – um
nur einige zu nennen. Die Gründerinnen und Gründer des
Vereins, MitarbeiterInnen der Schule, der Kirche, der Gemeinwesenarbeit,
des Nachbarschaftsheimes, des Kindertagesheimes und AnwohnerInnen
sahen schon lange, dass die Kinder unter den Schwierigkeiten hier
am meisten zu leiden hatten.
In manchen Familien waren die Probleme so übermächtig,
dass die Kinder dort nicht weiter leben konnten. Sie sollten jedoch
in der Nähe ihrer Eltern bleiben und ihre vertraute Umgebung,
FreundInnen und LehrerInnen nicht verlieren. Auf dieser Grundlage
sollte daran gearbeitet werden, perspektivisch wieder als Familie
zusammenleben zu können.
Im Oktober 1994 war es dann soweit: Das Kinderhaus wurde in den
oberen 4 Stockwerken eines Neubaus am Pinnasberg für 11
Kinder eröffnet. Viele Kinder warteten schon darauf, endlich
in das Kinderhaus einziehen zu können. Die meisten waren
in den anderen Einrichtungen des Stadtteils bekannt und die Probleme
drängten auf eine Lösung. Alle Kinder kamen aus der
direkten Nachbarschaft – mit verschiedenen Nationalitäten,
Wünschen und Sorgen.
In einem ganz normalen Mietshaus?
In
den unteren Etagen des fünfgeschossigen Hauses leben Familien
mit Kindern oder Wohngemeinschaften. Die oberen Etagen sind auf
die Bedürfnisse eines Kinderhauses zugeschnitten. Unter dem
Dach ist ein großes Wohnzimmer und ein weiträumiger
Ess- und Aufenthaltsraum, zum Spielen, Toben, Malen, Fernsehen,
gemeinsamen Abendessen oder um Freunde zu empfangen. In der anliegenden
Küche wird gemeinsam für alle gekocht. Ein Stockwerk
tiefer hat jedes Kind sein eigenes Zimmer. Zusätzlich gibt
es einen Computer- und Hausaufgabenraum, in dem die Kinder und
Jugendlichen unter Anleitung am PC arbeiten oder in Ruhe ihre Hausaufgaben
erledigen können.
Dass der Bewegungsdrang und Lautstärkepegel der Kinderhaus-Kinder
gelegentlich mit dem Ruhebedürfnis der NachbarInnen im Haus
kollidiert, lässt sich nicht immer vermeiden. Die Reibungen
sind jedoch geringer als erwartet. Konflikte mit den anderen HausbewohnerInnen
werden umgehend geklärt. Die Kinder und Jugendlichen lernen
so, sich in eine „normale“ Hausgemeinschaft zu integrieren.
Erste Entwicklungen
In den ersten Jahren zeigte sich, dass nicht alle Kinder in ihre
Familien zurückkehren konnten. So wurde die unterste Wohnung
zur Jugendwohngruppe umgestaltet, in der inzwischen drei Jugendliche
leben. Sie werden hier schrittweise auf ein eigenständiges
Leben vorbereitet. Die Jugendlichen lernen zu kochen, sich ihr
Geld über den Monat einzuteilen, selbstständig zur Schule/
Ausbildung zu gehen usw.. Mit 18 Jahren sollten sie dann in einer
eigenen Wohnung leben, wo sie nach Bedarf von uns weiter betreut
werden.
Aktuelles Angebot
Aktuell bietet das Kinderhaus 10 Kindern im schulpflichtigen Alter
und 2 Jugendlichen ab 14 Jahren in der Jugendwohngruppe ein Zuhause.
Die Kinder und Jugendlichen werden von 8 PädagogInnen rund-um-die-Uhr
betreut. Wir arbeiten im Schichtdienst, nachmittags und abends
mindestens mit zwei PädagogInnen. Der Alltag in der Jugendwohngruppe
wird zusätzlich von den beiden zuständigen KollegInnen
gestaltet. Über den Stellenschlüssel des Pflegesatzes
hinaus finanzieren wir über Spenden täglich eine zweistündige
Schulförderung durch eine Lehramtsstudentin.
Um die Jugendlichen später noch im eigenen Wohnraum zu betreuen
oder die Rückkehr eines Kindes in die Familie zu begleiten,
bieten wir offene Angebote für die Eltern und ambulante Hilfen
(n. §§ 30
und 31 SGB VIII) an. Mit der rechtzeitigen Betreuung in der Familie
kann
im
Einzelfall
auch die Unterbringung im Kinderhaus vermieden werden.
Was bedeutet eigentlich „milieunah“?
Das
Leitbild unserer pädagogischen Arbeit beschreiben wir
gern mit dem Adjektiv „milieunah“. Hinter dieser vieldeutigen
Beschreibung verbergen sich einige grundsätzliche Auffassungen:
Die Schwierigkeiten eines Kindes/ Jugendlichen, die eine Erziehung
außerhalb der Familie nahe legen, lassen sich nicht von dem
Ort ihrer Entstehung trennen. Kinder leiden nicht an isolierten
Symptomen, die sich einzeln in Spezialeinrichtungen beheben lassen.
Auffälliges Verhalten, das sie bspw. in der Schule untragbar
macht, ist die Folge schädigender Beziehungen und Interaktionen
am Lebensort. Die Schwierigkeiten lassen sich nur vor dem Hintergrund
des Milieus, der vielfältigen positiven und belastenden Bezüge,
in dem das einzelne Kind steht und aufgewachsen ist, verstehen.
So läßt sich ein gezieltes, auf das einzelne Kind
abgestimmtes pädagogisches Konzept entwickeln.
Die Herausnahme von Kindern aus ihrem Milieu führt anfangs
oft zu den gewünschten Verhaltensänderungen, die Schwierigkeiten
treten jedoch meist erneut auf, wenn sie ihren Lebensort wieder
aufsuchen. Sobald sie in ihre Familie zurückkehren, aus dem
Heim ausreißen oder im Erwachsenenalter in den Stadtteil
zurückkehren, werden sie mit den gleichen Problemen konfrontiert,
die zur Unterbringung im Heim geführt haben.
Die Aufnahme im Kinderhaus bedeutet für die betroffenen Kinder
auch, dass ihnen die lebenswichtigen Bezüge zu ihrer Familie,
Freunden, der Schule und dem Stadtteil erhalten bleiben. Die Beziehungen,
die vor der Aufnahme für die Kinder bedeutsam waren, bleiben
im Alltag bestehen. Wir wollen die Kinder aus ihren belasteten
Bezügen für eine Zeitlang herausnehmen, ohne dass die
positiven Beziehungen abgebrochen werden.
Obwohl wir eine stationäre Hilfe anbieten, können und
wollen wir die Eltern nicht ersetzen. Wir nehmen – im Einzelfall
sehr unterschiedliche – Teile der Erziehungsverantwortung
wahr.
Elternarbeit
Indem wir zentrale Elternaufgaben, wie das Erledigen der Schularbeiten,
Wecken, Streiten um Ausgehzeiten etc., übernehmen, bieten
wir den Rahmen, in dem sich Eltern und Kinder wieder konfliktfreier
begegnen können. So kann Schritt für Schritt eine vertrauensvollere
Eltern-Kind-Beziehung aufgebaut werden. Auf dieser Basis können
wir anschließend Teile der Verantwortung für ihr Kind
an die Eltern zurückgeben.
Diesen Prozess der schrittweisen Wiederannäherung versuchen
wir partnerschaftlich zu unterstützen. Wir respektieren die
Lebenslage der Familien und versuchen ein vertrauensvolles Verhältnis
zu den Eltern aufzubauen. Dazu ist es erst einmal notwendig, sie
trotz ihrer Fehler zu akzeptieren und ihnen das Gefühl zu
nehmen, „Rabeneltern“ zu sein.
Aufgrund der nachbarschaftlichen Nähe treffen wir die Eltern
ohnehin beim Einkaufen, vor der Schule oder bei Unternehmungen
mit den Kindern. Darüber hinaus sind jedoch die regelmäßigen
Elterngespräche wichtig, in denen die Besuche organisiert,
Veränderungen im Kinderhaus oder im Verhalten der Kinder besprochen
werden. Alle wesentlichen Informationen bzgl. Gesundheit, Schule
o.ä. werden an die Eltern weitergegeben, wichtige Entscheidungen
für die Kinder werden gemeinsam getroffen. In den Elterngesprächen
geben wir zudem Anregungen für den Umgang mit ihren Kindern
und die Eltern können auch Kritik an unserer Arbeit äußern.
Diese Gespräche führen die beiden BezugsbetreuerInnen
des Kindes als feste Ansprechpartner.
Trotz aller partnerschaftlicher Bemühungen entstehen auch
Situationen, in denen wir sehr deutlich Missstände ansprechen.
Wenn das Wohlergehen der Kinder durch das Verhalten der Eltern
gefährdet ist, scheuen wir nicht den Konflikt. In Einzelfällen
kann dann auch eine Einschränkung des Kontaktes für einen
begrenzten Zeitraum sinnvoll sein. Ziel unserer Arbeit ist in jedem
Fall – unabhängig davon, ob eine Rückführung
erreicht wird – eine Klärung der Beziehung zwischen
Eltern und Kindern. Für diese gemeinsame und freiwillige Arbeit
müssen sich alle Beteiligten immer wieder neu entscheiden.
Aufbauend auf den positiven Erfahrungen, die sich so neu entwickeln,
können die Eltern wieder Stück für Stück mehr
Alltagsverantwortung übernehmen. Die in den meisten Fällen
angestrebte Rückführung der Kinder in ihre Herkunftsfamilie
wird langfristig geplant und schrittweise umgesetzt bis die Eltern
wieder in der Lage sind, die volle Verantwortung zu tragen.
„
Elternarbeit“ wie wir sie verstehen, betrifft nicht nur die
biologischen Eltern, sondern alle, die im Einzelfall großen
Einfluss auf das Kindeswohl haben. Das können Verwandte und
Freunde sein, ebenso wie der neue Partner.
Integration in den Stadtteil
Wir möchten, dass die Kinder eigene Interessen entwickeln
und feste Freizeitangebote außerhalb des Kinderhauses wahrnehmen.
Fast alle Kinder, die wir aufnehmen, sind aus den Regelangeboten
der anderen Institutionen herausgefallen. Sie müssen erst
mühsam lernen, sich wieder in Gruppen zu bewegen, beim Fußball
im Altonaer Turnverein, der Mädchengruppe der Gemeinwesenarbeit
St. Pauli Süd oder den Angeboten des Jugendhauses der Kirche.
Da sie dies in aller Regel nicht allein schaffen, brauchen sie
unsere Unterstützung: in Form von Begleitung und Motivation,
aber auch in Form von Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen
Einrichtungen. So findet bspw. im Sozialraumteam ein regelmäßiger
Austausch der Einrichtungen in der direkten Nachbarschaft statt,
der Stadtteilschule am Hafen,
der GWA, des Jugendhauses der Kirche, des Nachbarschaftsheimes
und weiteren Institurionen. Hier erhalten wir einen Überblick über
die Angebote und besprechen die Schwierigkeiten einzelner Kinder
und
Jugendlicher,
um sie dauerhaft in die Angebote einzubinden.
Die enge Zusammenarbeit mit den KollegInnen im Stadtteil ermöglicht
ein rechtzeitiges Einschreiten in Krisensituationen. Die Einbeziehung
der anderen Einrichtungen ist auch für die Rückführung
in die Familie förderlich. Die sozialen Strukturen außerhalb
des Elternhauses geben den Kindern Halt, wenn alte Probleme wiederkehren.
Der Alltag im Kinderhaus
Im Mittelpunkt
unserer Arbeit steht der Alltag. Die verbindliche Tagesstruktur
und der feste Wochenplan geben den Kindern und Jugendlichen
ein Gerüst, um die Anforderungen des Alltags zu bewältigen,
schafft Raum für ihre Wünsche und Bedürfnisse, sichert
ihre Rechte und bietet Orte für die Auseinandersetzung. Der
Alltag ist für uns das pädagogische Feld, in dem wir
den Kindern neue Erfahrungen ermöglichen und positive Verhaltensänderungen
bewirken können.
Die Kinder, die wir im Kinderhaus aufnehmen, kannten oft
keinen verbindlichen Alltag. Sie wussten morgens nicht was nachmittags
geschieht, oft war es unwichtig, ob sie zur Schule
gingen oder nicht.
Grundsätzlich gilt: alle Kinder und Jugendlichen gehen von
montags bis freitags zur Schule oder zur Ausbildung/ Arbeit. Nur
triftige Gründe, wie z.B. Krankheit, gelten als Entschuldigung.
Alle Kinder werden rechtzeitig geweckt, damit sie den Tag in Ruhe
beginnen. Nach der Morgentoilette wird gemeinsam gefrühstückt
und das Pausenbrot zubereitet.
Die Jugendlichen frühstücken selbst in der Jugendwohngruppe.
Es wird aber kontrolliert, ob sie rechtzeitig aufstehen und das
Haus verlassen.
Nach der Schule kommen alle Kinder in das Kinderhaus. Wir essen
zusammen und sprechen über die Schule und den Tagesverlauf.
Danach werden von montags bis donnerstags mit der Hausaufgabenhilfe
schulische Grundlagen geübt und die Wochenpläne der Schule
bearbeitet.
Alle Kinder sollen einem festen Hobby ihrer Wahl nachgehen, so
dass am Nachmittag noch für einige das Fußballtraining,
die Mädchengruppe oder Breakdance auf dem Programm steht.
Oft gibt es auch noch Arzttermine oder Therapeutenbesuche, die
wir begleiten. Am Nachmittag kommen Freunde zu Besuch, es wird
gemeinsam gespielt oder jede/r verbringt den Nachmittag wie er/
sie möchte.
Kurz vor dem warmen Abendessen um 19.00 Uhr müssen die Freunde
gegangen und alle Kinder und Jugendlichen wieder im Haus sein.
Das Abendbrot ist der Zeitpunkt am Tag, an dem sich alle gemeinsam
treffen. Die Mahlzeit verläuft nach festen Regeln (Händewaschen,
warten bis jede/r seinen Teller gefüllt hat, nicht alle gleichzeitig
reden usw.), die helfen, eine entspannte Atmosphäre zum Plaudern,
Spaßmachen und für das Gruppengespräch zu schaffen.
Die meisten Kinder müssen erst lernen, in Ruhe, sitzend und
bewusst Nahrung aufzunehmen. Nach dem Essen gibt es noch kleine
Pflichten für jede/n wie Tischdienst, feste Duschtage, Wäsche
in den Schrank sortieren usw., je nach Wochentag. Dann wird gemeinsam
gespielt, manchmal auch ferngesehen und die ersten Kinder werden
in ihr Bett gebracht. Dies geschieht zu festen altersgemäßen
Zeiten. Jede/r hat so die Möglichkeit noch einmal ganz allein
mit dem/r Betreuer/in zu sprechen, eine Geschichte vorgelesen oder
eine Massage zu bekommen.
Neben den allgemein festgelegten altersgemäßen Rechten
und Pflichten gibt es natürlich individuelle Regeln für
jedes einzelne Kind und jeden Jugendlichen. Diese werden entsprechend
der jeweiligen Fähigkeiten und Bedürfnisse festgelegt.
Kinderrat
Damit die Kinder und Jugendlichen lernen, dass man
seinen Alltag mitgestalten kann, findet jede Woche
am
Dienstag der Kinderrat statt (in der Jugendwohngruppe am Mittwoch).
Der Kinderrat ist ein soziales Lernfeld, in dem die Kinder und
Jugendlichen üben, ihre Anliegen zu verbalisieren und sich
mit Kritik auseinander zu setzen. Hier werden Anregungen und Wünsche
der Kinder und Jugendlichen besprochen. Dies betrifft Gruppenregeln,
Streit untereinander, Kritik an KollegInnen oder das nächste
Urlaubsziel. Die Treffen werden protokolliert und die Ergebnisse
am nächsten Tag in der Teamsitzung besprochen, wo über
die Anliegen zugleich entschieden wird.
So erfahren die Kinder und Jugendlichen, dass sich die Erwachsenen
mit ihren Vorschlägen auseinandersetzen. Auch wenn letztlich
wir als Verantwortliche entscheiden, lernen die Kinder und Jugendlichen,
dass ihre Anregungen und Vorstellungen – in Worten zum Ausdruck
gebracht - zu Veränderungen führen.
Kinderhaus- und Elternwochenende
Am Freitag nach der Schule räumen die Kinder ihre Zimmer auf
und erhalten ihr wöchentliches Taschengeld. Immer abwechselnd
heißt es dann Eltern- oder Kinderhauswochenende. An den Elternwochenenden
gehen sie – wenn dies möglich ist – zu ihren Eltern
oder anderen nahestehenden Verwandten. An den Kinderhauswochenenden
bleiben alle hier. Dann unternehmen wir mit der ganzen Gruppe Ausflüge,
es wird gebastelt, getöpfert oder ins Kino gegangen. Diese
Aktivitäten sind verpflichtend, da sich so die Gruppe als
Ganze einigen muss, auf Einzelne Rücksicht genommen wird und
alle miteinander Spaß haben, wenn jede/r mitmacht und Kompromisse
eingeht.
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